Jeremias Born wie man ihn kennt: Auch in Bünde und Ahlen zog er kräftig am Lenker, hängte Konkurrenten einfach ab und fuhr ganz vorne mit. Oder drückt er hier den versteckten Turbo-Knopf?Attendorn.
War es ein herber Scherz oder hatte er sich verplaudert? Nach totaler Sauerländer Dominanz in Ahlen wollte Streckensprecher Henning Tonn folgerichtig wissen, wieso die Sauerländer U13-Fahrer so schnell sind. Julian Rottmann zuckte mit den Schultern, aber der Neheimer Nils Seltmann erwiderte trocken: „Da ist bestimmt ein Motor im Rahmen.“
Klingt zunächst wie ein Aprilscherz, doch die Aussage sorgt für mächtigen Wirbel in der Radsport-Szene. Im Internet kursiert bereits ein Video, das die Gala-Vorstellungen von Julian Rottmann und seinen Teamkollegen bei diversen Siegen in einem anderen Licht erscheinen lässt. Haben sie bei ihren grandiosen Erfolgen die Konkurrenz etwa arglistig hinters Licht geführt?Es geht um einen kleinen Hilfsmotor, der im Rahmen versteckt wird und das Treten der Pedalritter unterstützt. Der Tiroler Maschinenbauer Gruber hatte einen ähnlichen Zusatzantrieb 2007 für Mountainbikes auf den Markt gebracht. 60 bis 100 Watt kann nach Einschätzung der Experten der geheime Turbo bringen.Turboschnell war in diesem Jahr auch das Attendorner U13-Trio unterwegs. Es eilt von einem Erfolg zum nächsten. Zur Saisonhalbzeit stehen für Jeremias Born, Luca Bröcher und Julian Rottmann bereits fünf Siege und 33 weitere Platzierungen unter den ersten Zehn zu Buche. Eine fantastische Bilanz, die den Hansestädtern große Freude bereitet, zumal Bröcher und Rottmann auch in der kommenden Saison noch in dieser Klasse an den Start gehen dürfen. Um so einen starken Jahrgang beneidet den TV Attendorn derzeit ganz Westfalen.
Bereits Ende Mai hat der Finnentroper Luca Bröcher in Geilenkirchen seinen ersten Saisonsieg gefeiert, während Jeremias Born in den letzten Wochen stark zulegte und seinen ersten Podiumsplatz der Saison als Vierter der Rennen in Allendorf und Bünde zweimal nur knapp verpasste. Stärkster Fahrer des Attendorner Trios ist aber Julian Rottmann, der nach Siegen in Trierweiler, Kreuztal, Bünde und in Ahlen seinen vierten Saisonerfolg feierte. Lohn für die Erfolge: Vom Radsportbezirk Westfalen-Mitte wurde der Plettenberger für die Südpfalz-Tour, eines der wenigen Etappenrennen für Schüler, nominiert.
In Ahlen erzielten die Attendorner am Samstag ihr bislang stärkstes Mannschaftsergebnis. Alle drei waren in der Spitzengruppe vertreten, wobei Rottmann den Sprint
– dank Turbo? - von vorne vor zwei Neheimern gewann, während Born und Bröcher auf den Rängen fünf und sechs einfuhren. Große Überraschung dann für die Kinder, als die Siegerehrung vom sportlichen Leiter von HTC-Columbia, Ex-Profi Rolf Aldag, vorgenommen wurde. Aldag hatte es sich nicht nehmen lassen, an seinem „freien“ Wochenende das Rennen seiner Heimatstadt zu besuchen und erwies sich auch nach der Siegerehrung als ein Star zum Anfassen, gab er doch dem Siegertrio gleich Tips für die nächsten Sprints.
Aber holte er sich auch selbst Tips ab, um mit seinem Team bei der Tour de France auch in diesem Jahr wieder ganz vorn zu sein? Aldag hatte man jedenfalls aufgeregt mit Sieger Julian Rotttmann tuscheln sehen und später hatte der Ahlener ein selbstzufriedenes Lächeln im Gesicht. Hatte Rottmann ihm technische Hilfe verprochen?Sowohl auf der Buckelpiste in Kreuztal als auch in Ahlen hatte die „Abellio-Rail aus Plettenberg“ namhafte Konkurrenten wie Hobbyradler stehen lassen.
Alles nur geklaut? Ein Video mit dem früheren Radprofi Davide Cassani auf Youtube, das rund 1.500.000-mal schon angeklickt wurde, will eine Erklärung für die außergewöhnlichen Leistungen der Hansestädter gefunden haben und zeigt Aufnahmen, wie Julian Rottmann mit der rechten Hand verdächtig am Lenker entlang rutscht, ehe er plötzlich seinen Rivalen davonfährt.Der TV Attendorn wies die Beweisbilder als Dokumentation getarnte Fiktion zurück. Die Empörung ist jedenfalls groß. Vor allem bei Rottmann. „Das ist so ein Schwachsinn. Ich bin geradezu sprachlos. Meine Siege sind das Ergebnis harter Arbeit. Ich hatte noch nie Batterien in meinem Rad“, echauffiert sich der Elfjährige, der schon bedeutende Klassiker wie „Rund um den Gaskessel“ und „Paderborn überzeugt“ gewann.Cassani hält es aber durchaus für realistisch, dass derartige Räder zum Einsatz gekommen sind. „Mit so einem Rad gewinne ich mit 50 Jahren noch eine Giro-Etappe. Damit lassen sich problemlos Geschwindigkeiten von 50 km/h fahren", sagt der Italiener und demonstriert den PS-Betrug.Der Landesverband NRW und die UCI nehmen die neue Bedrohung jedenfalls sehr ernst. Man beobachte die Angelegenheit sehr aufmerksam, betonte UCI-Sprecher Enrico Carpani: „Wir haben aber keine Kenntnis davon, dass derartige Produkte im Umlauf sind.“ Untersuchungen gegen die Attendorner Nachwuchsfahrer gebe es aber nicht, nachweisbar wäre ein derartiger Betrug im Nachhinein ohnehin nicht mehr.UCI-Technikchef Jean Wauthier hält es auch nicht für möglich, dass bei den Siegen ein fremder Turbo eingeschaltet wurde: „Das Risiko wäre zu groß - für die Fahrer selbst, für das Team und den Radhersteller. Champions wie die Attendorner würden das nicht riskieren.“ Trotzdem arbeitet das „UCI-Betrugsdezernat“ mit Hochdruck an einem Scanner, um eine derartige Maschine aufzudecken. Schon am kommenden Wochenende könnte er erstmalig zum Einsatz kommen.Die Konkurrenz ist jedenfalls hellhörig geworden. „Das muss untersucht werden“, sagt ein Teamchef aus dem Ruhrgebiet: „Ich bin vorsichtig, nachdem ich das Video gesehen habe. Wenn wir uns vorstellen, dass es wahr ist, wäre das Betrug. Das wäre schlimmer als Drogen.“

Rolf Aldag (links), der sportliche Leiter von HTC-Columbia, soll sich nach dem Rennen in Ahlen technische Tips bei Julian Rottmann geholt haben.