
Attendorn. Begeisterung an der Strecke, packende Wettkämpfe und viel Lob von Sportlern und Funktionären - für den TV Attendorn war die Durchführung der Meisterschaften des Radsportverbandes NRW nur als gelungen zu bezeichnen.
Die Bewohner der Hansestadt machten, den wiederkehrenden Regenschauern zum Trotz, die Veranstaltung zum Fest. Am langen Anstieg im Grafweg und im Schwalbenohl hatten sie die Gartenbänke an die Strecke gestellt, Pavillons und Grillgeräte aufgebaut und feuerten die rund 500 Rennfahrer stundenlang an. Und sie hatten Glück: Erst als Streckensprecher Peter Mohr zur Siegerehrung der Eliteklasse aufrief, da öffnete der Himmel noch einmal so richtig die Schleusen und Tief „Ulrike“ blies die Backen auf.
Das packende Finale im Rennen um den „Großen Preis der Sparkasse ALK“ hatten die Zuschauer aber in einer Phase verfolgen können, in der es nicht regnete. Und es waren viele Zuschauer. Viel mehr, als vor vier Jahren, als man, damals im Schwalbenohl, ebenfalls die NRW-Meisterschaft ausgerichtet hatte. Eine Steigerung also, und das trotz all der Negativ-Schlagzeilen, die der Profiradsport seit dem damaligen Sommer produziert hatte.
„Unser Konzept, Richtung Innenstadt zu gehen, ist aufgegangen“, freute sich Markus Hammer, Abteilungsleiter der TVA-Radsportler, über die erhöhte Resonanz, die bei besserem Wetter und ohne die extrem vielen Konkurrenzveranstaltungen im Kreisgebiet sicher noch besser ausgefallen wäre. „Die Regenschauer haben leider immer wieder viele Leute von der Strecke vertrieben“, so Hammer. Für die, die den ganzen Tag an der Strecke ausgeharrt hatten, hatte es sich gelohnt. Sie bekamen alles geboten, was den Radsport ausmacht.
Für die Sportler hingegen war das Ganze kein Vergnügen. Nicht nur der Regen, sondern vor allem die harten Anstiege von der Stadt zum Industriegebiet Ennest sowie die dortigen „Stiche" sorgten für schmerzverzerrte Gesichter und knallharte Selektion im Feld. Oft erreichte dieses um mehr als die Hälfte dezimiert und total versprengt das Ziel. „Es war sehr hart. Der Kurs ist einer Meisterschaft mehr als würdig", befand im Interview Jürgen Sopp vom RSV Mettmann, der als Sieger des Senioren-Rennens den langen, neun Stunden dauernden Renntag eröffnet hatte.
Sportlich waren die Gefühle aus Sicht des TV Attendorn gemischt. Die Titelkämpfe zeigten einmal mehr, dass im Radsport und insbesondere bei Meisterschaften alles möglich ist - vor allem in negativer Hinsicht. „Wir hatten viel Pech", ärgerte sich TVA-Urgestein Manfred Hennes über einen fehlenden Titelgewinn.

Doch zunächst das Positive: Drei der Attendorner Asse stachen, zwei hatten am Ende Silber um den Hals baumeln: Anika Werheit bei den Frauen und Julian Rottmann in der Schülerklasse U13. Dominik Ivo (Bild links) wiederholte im Rennen der U23 seinen sechsten Platz aus dem Vorjahr.
Als einer von vielleicht 40 der 180 Fahrer, die zusammengerechnet in Eliteklasse und U23 auf die über 120 Kilometer lange Distanz gegangen waren, hatte er das Ziel erreicht. Eine Großtat, doch zufrieden war Ivo nicht. „Ich habe andere Ansprüche. Es wäre mehr drin gewesen. Wir sind taktisch nicht klug gefahren", ärgerte er sich über die fehlende taktische Disziplin seines für die Stammvereine gestarteten Bundesligateams. Das Feld war drauf und dran, die weit enteilte Spitzengruppe einzuholen, als ein Fahrer seines Teams allein vorne 'ranspringen wollte und somit den Rhythmus der Nachführarbeit störte. Dass Ivo beim Zusammenschluss um Medaillen mitgekämpft hätte, zeigte er in der Schlussphase, wo er nach verhaltener Rennführung noch gute Reserven hatte.
Die größte Hoffnung der Attendorner, Ex-Profi Christina Becker, musste aus beruflichen Gründen ihren Start im Rennen der Frauen kurzfristig absagen. So mussten Annette Rathmann und Anika Werheit allein die Kohlen aus dem Feuer holen. Und dies taten sie mehr als ordentlich.
Vor allem Werheit (im Bild ganz oben vorne) zeigte sich ständig an der Spitze und war folgerichtig auch in der fünfköpfigen Spitzengruppe vertreten, die das Rennen unter sich ausmachte. Auch im Finale nach 59 Kilometern zeigte sich Werheit stark. Die Bochumerin Anna Bianca Schnitzmeier war in der S-Kurve am Stürzenberg volles Risiko gegangen

und rettete den dort gewonnenen Vorsprung ins Ziel, dahinter jedoch zeigte sich Werheit als stärkste Sprinterin. Wer ihr Strahlen bei der Zieldurchfahrt sah, dem musste klar sein, dass die 20-Jährige, die vor einem Jahr Bronze gewann, mit Rang zwei sehr glücklich war. „Ziel war, unter die ersten drei zu kommen, das habe ich ja geschafft", bestätigte Werheit.
Anders sah es bei Julian Rottmann aus, der in der Schülerklasse U13 durchaus auf Gold geschielt hatte. Wie schon in den ersten Saisonrennen lieferte sich der Elfjährige ein packendes Duell mit dem jahrgangshöheren Luca Felix Happke (PVT Witten). Auch gestern konnte der Rest des Feldes das Hinterrad der beiden nicht halten. Der langgezogene Schlussspurt hatte es in sich, abzulesen an Rottmanns Gesichtsfarbe, die sich der seines Trikots annäherte. Er wurde erst im „Tigersprung" entschieden, wobei sich Rottmann um Reifenbreite geschlagen geben musste (siehe Bild). Luca Bröcher als fünfter, Jeremias Born als siebter und Theo Remmert im Feld komplettierten das gute Attendorner Abschneiden in der „Zwergenklasse" des Tages.

Wie bitter Radsport sein kann, musste der TV Attendorn zur Mittagsstunde erfahren, als die Hoffnungen im Minutentakt platzten und die Tränen der Enttäuschung reichlich flossen. Keine 200 Meter währte der Goldtraum von Jessika Eckhardt (links), die nach dem Start der Juniorinnen aus der Pedale rutschte, stürzte und anschließend mit Schmerzen sowie einem demolierten Rad trotz guter Form keine Chance mehr hatte, ins Feld zurückzukehren. „Das wird noch eine Weile dauern, bis ich das verdaut habe", zeigte sich die Oberelsperin auch einige Stunden später konsterniert.

Im gleichzeitig laufenden Rennen der Jugend zeigte sich Christopher Wehmeier (rechts beim Start) in bärenstarker Form, attackierte in der zweiten Runde am Berg und setzte sich allein vom Feld ab. Tendenz des Vorsprungs: wachsend. Ein Plattfuß am Vorderrad stoppte die Flucht. Umso ärgerlicher, dass der Materialwagen die Situation nicht realisierte und vorbei fuhr. „Erst hat es gezischt, dann ist das Ding geplatzt", beschrieb Wehmeier die Situation, die ihm alle Chancen nahm. Auch Patrick Kämpf erwischte es. Der schied, gut im Feld positioniert, mit einer defekten Kette aus.
Deprimiert verfolgten die Attendorner Pechvögel das Rennen der Eliteklasse, wo die Klasse-Leistung von Sieger Jan Deutschmann vom SC Wiedenbrück vielleicht bereits wieder Motivation für die nächsten Trainingseinheiten bot. Überhaupt waren die Wiedenbrücker, bei denen der Attendorner Raffael Hennes mit in der sportlichen Leitung steht, die großen Abräumer. Christoph Schweizer machte den Doppelsieg für die neu formierte Radsport-Macht aus Ostwestfalen perfekt und verwies seinen Bruder Michael Schweizer (Team Nutrixxion-Sparkasse) auf Rang drei. „Ein mehr als würdiger Sieger“, verkündete Rennsprecher Peter Mohr per Mikrofon und traf damit den Nagel auf den Kopf: Deutschmann war über die Hälfte der 130 Kilometer völlig allein an der Spitze gefahren. Er hatte auch nicht aufgesteckt, als die Verfolger wieder bis auf Sichtweite herangefahren waren, sondern sich erneut deutlich abgesetzt.
Als der Zielbus abgefahren, die Absperrgitter beiseite geräumt waren und die Duschen gesäubert waren, da zeigte sich Markus Hammer dann auch ein wenig stolz, dass seine kleine Abteilung die Veranstaltung so reibungslos über die Bühne gebracht hatte. Abgesehen von wenigen uneinsichtigen Autofahrern, die sich nur durch heftige Gegenwehr der besonnenen Streckenposten davon abbringen ließen, unkontrolliert auf die Rennstrecke zu fahren, gab es keine Probleme.
Die Sportler waren begeistert und dankten es, wie oben geschrieben, mit guten Leistungen. Wie sie den Widrigkeiten trotzten, war beeindruckend. Trotz den nach wochenlanger Trockenheit schmierigen Straßen wurde auch in den Abfahrten durchgezogen. Die Stürze hielten sich, besonders für eine Meisterschaft bei Regen, im Rahmen. „Da hat man gesehen, dass das keine Hobbyfahrer waren. Das war begeisternd für alle, die was vom Sport verstehen“, war sich TVA-Urgestein Manfred Hennes sich.

Werbung für den Radsport sei die Veranstaltung gewesen, und diese hat er auch nötig. Das zeigten die Felder in den Nachwuchsklassen, in denen deutlich weniger Fahrer an den Start gingen, als dies noch vor zehn oder fünf Jahren der Fall gewesen ist. Ein Umstand, der vielleicht auch mit der Entwicklung der Sportart und dem Fehlen echter Vorbilder zu tun hat, vor allem aber mit der gesellschaftlichen Entwicklung, unter welcher der Leistungssport generell leidet. In Attendorn haben sich diese Probleme, allerdings nur dank erhöhter Bemühungen, noch nicht niedergeschlagen.
Und so wird es auch auf absehbare Zeit wohl noch Radrennen in Attendorn geben. Markus Hammer (Bild rechts, mit NRW-Straßenfachwart Günter Schäfer im Arm) jedenfalls freut sich auf die kommenden Veranstaltungen. Dann vielleicht wieder auf dem Rundkurs in der Altstadt. Erste Gedankenspiele und Gespräche gehen in diese Richtung. Hammer: „Unser Wunsch ist, dann wieder ein Rennen nur für die Zuschauer zu machen. Also auf einer kurzen Runde, ohne die Vorgaben, die bei einer Meisterschaft bestehen.“